Volkstrauertag 2012

Reden

Dr. Gerald Thalheim sprach zum Volkstrauertag am 18. November 2012 in Claußnitz Als wir uns hier zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung trafen, habe ich mich gefragt: „Was soll das Ganze? Passt das noch in die Zeit? Es ist seit 45 Jahren Frieden und die Kriege liegen gefühlt Lichtjahre zurück.“

Ich bin vermutlich nicht der einzige gewesen, der so gedacht hat. Ein amerikanischer Historiker hatte nach dem Ende des Kommunismus und des kalten Krieges bereits das „Ende der Geschichte“ ausgerufen, weil er dachte, alles ist jetzt gut. Meine Zweifel kamen mir bereits beim Blick in die Runde der Teilnehmer. Es waren Bürger darunter, die offensichtlich wegen ihrer gefallenen Familienangehörigen gekommen waren. Vielleicht war das Ehrenmal in Caußnitz der einzige Ort, wo sie Ihres Vaters oder Bruders gedenken konnten, weil sie nicht wussten, ob es ein Grab gibt oder wo er geblieben ist. Doch unabhängig von der persönlichen Betroffenheit gibt es gute Gründe, am heutigen Volktrauertag der Gefallenen und Opfer der Weltkriege, der Verfolgten und Vertriebenen zu gedenken – nicht allein auf einer zentralen Veranstaltung, sondern auch in der jeweiligen Gemeinde, wo die Betroffenen gelebt haben. Es ist eine lange Liste von Namen, die in den Weltkriegen ihr Leben gelassen haben. Ihnen gedenken wir als Opfer, auch wenn darunter – zumindest im ersten Weltkrieg (vielleicht) viele Freiwillige waren. Sie wurden in einen mörderischen Krieg geschickt, als ginge es um einen sportlichen Wettkampf oder sie wurden zum Hass auf Franzosen, Russen oder wen auch immer erzogen, wie wir uns das heute nicht vorstellen können. Letztendlich hatten die jungen Männer keine Wahl. In einer Zeit, in der die Wehrpflicht abgeschafft wurde bzw. die Möglichkeit zum Zivildienst bestand, können wir uns den Druck nicht annähernd vorstellen. Während meiner Abgeordnetenzeit bat mich Anfang der 1990iger Jahre eine alte Dame um Hilfe wegen ihres Entschädigungsanspruchs. Ihr Ehemann hatte als Zeuge Jehovas den Kriegsdienst verweigert. Er war hingerichtet worden. Sie war auf einem DIN A5 Zettel über das Todesurteil informiert worden. Der Vollstreckung war eine Zeile gewidmet. Der längere Text betraf die Rechnung für die Hinrichtung und die Verbrennung. Als ich den Zettel in der Hand hielt war ich hin und hergerissen zwischen dem Entsetzen über die Brutalität des Nazireiches und der Hochachtung vor der Entscheidung des Kriegsgegners: lieber selbst zu sterben, als andere zu töten. Das war ein Schicksaal von Vielen. Daran sollten – nein müssen wir uns an diesem Tag erinnern. Vor allem an die vielen Zivilisten, die Kinder, Frauen und Alten, die Juden und rassisch Verfolgten, die als Unschuldige Opfer der Kriege und Verfolgung geworden sind. Anfänglich betraf es vor allem die Zivilbevölkerung, der von Nazi-Deutschland überfallenen Länder, dann kam der von Deutschland entfachte Krieg nach Deutschland zurück und die deutsche Bevölkerung war betroffen. Not, Vertreibung und unermessliches Leid waren die Folge. Wenige - zu wenige - haben sich wie der von mir erwähnte junge Mann dem Töten und den Verbrechen entgegen gestellt. Ganz gleich ob aus politischen Motiven oder religiöser Überzeugung oder einfach rechtsstaatlicher Gesinnung. Wir erinnern und gedenken heute mit Hochachtung derer, die dem Völkerhass oder Terror ablehnte und selbst große Opfer brachten. Sie lehren uns, dass Widerstand nicht zwecklos – sondern notwendig ist. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Was wir aber heute tun können, ist uns bewusst zu machen, dass Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeit sind. Während wir hier der Toten weit zurück liegender Kriege gedenken, sterben in Syrien und im Nahen Osten hier und heute Menschen. Auf dem Balkan liegen Völkermord und Vertreibung noch nicht einmal 20 Jahre zurück. Wer für Frieden und Freiheit hier und heute etwas tun will, der muss sich gegen Ausländerhass und für Toleranz und Verständigung einsetzen. Es ist nicht zu begreifen, dass Rechtsradikales Gedankengut in Ostdeutschland so großen Zuspruch findet, wie das jüngst eine Umfrage deutlich gemacht hat. Das ist umso unverständlicher als gerade Intoleranz, Völkerhass und Radikalismus zu den Katstrophen des vergangenen Jahrhunderts. Daran zu erinnern ist nach meiner Auffassung das Gebot des Volkstrauertages.

 
 

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